Den Namen TimTom Guerilla dachte ich mir in der dritten Klasse aus. Ich las damals gerade ein Jugendbuch über Che Guevara und die kubanische Revolution von Frederik Hetmann. Zu dieser Zeit besuchte ich eine Sonderschule für geistig Behinderte. Dass ich ausgerechnet dort gelandet war, daran waren mehrere Missverständnisse schuld.
Ich war ein sehr stilles Kind. Einen Vater hatte ich, wie gesagt, nicht wirklich. In meinen ersten Lebensjahren mag er hin und wieder noch da gewesen sein. Aber später verschwand er einfach. Meine Mutter war zwar immer um mich bemüht. Aber sie musste für uns beide sorgen und hat deshalb viel gearbeitet. Man kann sie nicht gerade als intelligent bezeichnen. Jedenfalls hatte sie, wenn überhaupt, nur Aussichten auf solche Jobs, bei denen man mit sehr viel Arbeit nur wenig Geld verdienen konnte. Damals gab es zwar noch mehr Arbeitsplätze als heute. Aber die besten Zeiten waren vorbei, die Arbeitslosenzahlen stiegen. Und sie tat alles dafür, damit wir nicht von Sozialhilfe leben mussten.
Ich war deshalb in meinen ersten Lebensjahren nur selten zu Hause. Tagsüber passten wechselnde Tagesmütter auf mich und andere Kinder von alleinerziehenden Müttern auf.
Wie gesagt: Ich war ein stilles Kind. Meistens verzog ich mich in irgendeine Ecke und war für mich allein. Den Kinder-garten hasste ich. Ich hatte Angst vor den anderen Kindern. Die waren laut und wild und spielten Spiele, die ich nicht verstand und die mich nicht interessierten. Ich konnte mich über mehrere Stunden mit einem Spielzeugauto beschäftigen. Oder ich baute aus Sand oder irgendeinem anderen Material Vulkane und ließ sie stundenlang ausbrechen. Die Tagesmütter und Erzieherinnen waren in der Regel mit ihrem Job überfordert und dankbar, dass wenigstens ein Kind die Fresse hielt. Deshalb ließen sie mich in Ruhe. Die anderen Kinder verstanden mich genauso wenig wie ich sie und machten einen Bogen um mich. Mir war das recht. Es ging mir am besten, wenn niemand etwas von mir wollte. Das muss der Grund gewesen sein, warum schließlich alle dachten, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.
Als ich fünf Jahre alt war, stellte sich die Frage, auf welche Schule ich gehen würde. Ich konnte schon längst lesen, auch wenn alle dachten, ich würde mir nur die Bilder angucken. Als man mir erklärte, was Schule ist, bekam ich Panik. Ich wollte da nicht hin! Noch mehr Kinder, die alle zur selben Zeit dasselbe machen mussten! Etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Ich bettelte meine Mutter an, sie sollte mich einfach zu Hause lassen. Ich versprach ihr, dass ich schon zurechtkommen würde. Aber es half alles nichts.
An dem Tag, als meine Mutter mit mir zum Gesundheitsamt fuhr, um die schulärztliche Untersuchung machen zu lassen, verweigerte ich mich total. Sie musste mich hinter sich her schleifen. Im Bus und in der Straßenbahn schaukelte ich mit dem Oberkörper nach vorn und nach hinten und machte komische Geräusche. Ich hatte Angst. Aber ich wollte die ganze Sache auch sabotieren. Ich hatte mir vorgenommen, mich so doof zu stellen, dass man zu dem Schluss kommen musste, dass ich an der Schule nichts verloren hätte. Die Blicke meiner Mutter verrieten mir, dass sie sich Sorgen machte. Natürlich hatten die Erzieherinnen ihr schon mitgeteilt, dass ich ein merkwürdiges Kind sei. Aber sie hatte drauf geschissen. Jetzt schienen ihr doch erste Zweifel an meiner geistigen Gesundheit zu kommen.
Die Ärztin war eine freundliche Frau. Aber das änderte nichts an meinem Plan. Ich stellte mich dämlich und brachte es zum Entsetzen meiner Mutter sogar fertig, einen Speichelfaden von meinen Lippen herabtropfen zu lassen. Die Untersuchung war ziemlich schnell vorbei, die Ärztin machte ein bedauerndes Gesicht, sagte etwas zu meiner Mutter, das ich nicht verstand, und ich dachte schon, ich hätte gewonnen, als wir das Untersuchungszimmer verließen. Aber das stimmte nicht. Ab jetzt sollte es erst so richtig schlimm werden.
Denn jetzt lernte ich Frau Cunzelman kennen, die Gutachterin, die im Auftrag der Stadt herausfinden sollte, ob bei mir sonderpädagogischer Förderbedarf vorlag. Frau Cunzelman ging mit großem Elan ans Werk, was sicher daran lag, dass sie ihren Job liebte. Noch viel wichtiger war aber möglicherweise die Tatsache, dass sie selbst Rektorin einer Schule für geistig Behinderte war, die dringend neue Schüler brauchte.
Als ich Frau Cunzelman das erste Mal sah, war mir nicht klar, in welcher Gefahr ich schwebte. Ich wusste nur, dass ich diese kleine Frau mit ihrem dünnen halblangen Haar, den dunklen Augen und dem verknitterten Gesicht nicht mochte. Eine Erzieherin hatte Frau Cunzelman zu mir geführt, erklärt, dass sie ein wenig mit mir spielen wolle, und war wieder abgezogen. Jetzt saß die fremde hässliche Frau neben mir und versuchte, mir ein Gespräch aufzudrängen. Ich ignorierte sie vollständig und beschäftigte mich weiter mit dem Matchbox-Auto. Frau Cunzelman versuchte alles Mögliche: Sie wollte Kaufladen spielen, fragte mich, ob ich ihr ein Bild malen könne, zeigte mir Bücher, las mir unaufgefordert etwas vor, fragte mich dann, ob ich verstanden habe, wovon die Geschichte handelte, und so weiter. Sie war mir egal. Ich nahm mir vor, sie solange wie Luft zu behandeln, bis sie es von alleine verstand und sich verpisste. Das tat sie dann auch irgendwann.
Als ich ihr nachblickte, beobachtete ich, wie sie auf dem Weg nach draußen mit der Erzieherin ein paar abschließende Worte wechselte, fast traurig seufzte, die Schultern zuckte und den Kopf schüttelte. Dann sah sie ein letztes Mal zu mir hinüber, und dabei lief es mir eiskalt den Rücken hinunter, denn ihr Gesichtsausdruck verriet keinerlei Traurigkeit oder Enttäuschung. Stattdessen blitzen ihre Augen triumphierend auf.
Das Gutachten, das Frau Cunzelman über mich schrieb, fiel desaströs aus. Der Teddy-Spiel-Test nach Helmolt/Reinermann, der die Beurteilung meines Entwicklungsstandes bezüglich der Lernvoraussetzungen für das Rechnen ermöglichen sollte, sei nicht durchführbar gewesen. Auch das graphomotorische Komplexbild nach Seiffert/Wendler, anhand dessen meine visuelle Wahrnehmung hätte überprüft werden sollen, sowie die graphomotorischen Fähigkeiten im Hinblick auf den Schriftspracherwerb, habe nicht erstellt werden können, und so weiter. Unterm Strich könne man feststellen, dass sich meine kognitive Leistungsfähigkeit im Bereich einer geistigen Behinderung bewegen würde. Meine lebenspraktischen Fertigkeiten, meine Orientierungs- und Mobilitätsfähigkeit, sowie meine kommunikativen Möglichkeiten seien noch nicht altersentsprechend. Daher hätte ich einen hohen Förderbedarf im Sinne der Schule für praktisch Bildbare. Und welche Schule Gutachterin Cunzelman da ganz konkret im Blick hatte, wird sich dem Schulamt zweifellos auf den ersten Blick erschlossen haben, denn sie unterschrieb mit ‚Magdalene Cunzelman (Förderschulrektorin)‘, wie um noch einmal kräftig mit dem Zaunpfahl zu winken.
Das Schulamt erhörte sie und bestimmte prompt, dass die für mich zuständige Schule die von Frau Cunzelman sei.
Meine Mutter fügte sich all dem ergeben. Ihr fehlten die geistigen Voraussetzungen, um das Spiel zu durchschauen. Sie weinte ein bisschen darüber, dass sie plötzlich einen behin-derten Sohn hatte, und stürzte sich dann wieder in die Arbeit. Und ich wurde planmäßig eingeschult.
Ich würde gerne sagen können, dass ich mich unter den behinderten Kindern wohlfühlte und sie mochte. Aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil, manche von ihnen machten mich wahnsinnig. Michael zum Beispiel, der wütend kreischte, wenn ihm was nicht passte. Oder Pascal, der immer mein Freund sein wollte und mich vor Begeisterung anspuckte, wenn er mit mir sprach, und der einfach nicht verstand, was ich meinte, wenn ich ihm sagte, er solle sich verpissen und mich in Ruhe lassen.
Natürlich fiel irgendwann auf, dass ich schon am Tag meiner Einschulung lesen konnte und auch ansonsten nicht ganz doof war, auch wenn ich mich so teilnahmslos und apathisch gab, wie ich nur konnte. Dennoch zweifelten die Lehrerinnen und Erzieher, die ansonsten sehr freundlich waren, nie daran, dass ich an ihrer Schule richtig war. Sie hoben, was mich betraf, einfach das Lernniveau und freuten sich, den einen oder anderen Erfolg sich selbst anrechnen zu dürfen.
Mir ging es schlecht. Und verantwortlich dafür machte ich Frau Cunzelman. Deshalb sann ich auf Rache. Ich wollte Unheil stiften und den Schulbetrieb so gründlich sabotieren, wie es nur ging. Freunde hatte ich schließlich doch gefunden, und zwar waren das Jungs, die, so wie ich, davon überzeugt waren, dass sie an dieser Schule nichts verloren hatten. Sie hatten das Pech, dass sie auf die eine oder andere Art behindert waren. Geistig allerdings waren sie voll da. Eddy zum Beispiel hatte einen Herzfehler. Nils war kleinwüchsig und litt an einer Art Muskelschwund. Und Lars war Autist. Er benahm sich zwar etwas merkwürdig, war aber ansonsten völlig in Ordnung. Wir mochten ihn, weil wir ihm scheißegal waren.
Diese Jungs halfen mir, für Unruhe zu sorgen. Uns wurde irgendwann klar, dass unsere Schwächen gleichzeitig unsere Stärken waren. Wir fügten uns in die Rolle der Opfer und Außenseiter, die man uns zugewiesen hatte, und terrorisierten die anderen mit unserer Hilfsbedürftigkeit. Nils zum Beispiel trug bis zur zweiten Klasse noch Windeln und hatte es zu einer gewissen Meisterschaft darin gebracht, den Erziehern beim Windelwechsel ins Gesicht zu pissen oder sich bis zum Kragen einzuscheißen. Lars hatte von mir etwas gelernt, das wir ‚das Ausknipsen‘ nannten. Dabei schalteten wir unser Gehirn schon in der ersten Stunde auf Stand by und bewegten oder regten uns solange nicht mehr, bis die Schule aus war. Ich fand das echt schwer, aber Lars war darin verdammt gut. Wir wurden beide mehrmals zu ärztlichen Untersuchungen geschickt, wo unsere Hirnströmungen gemessen wurden, ohne dass irgendwelche Auffälligkeiten entdeckt worden wären. Und zwei Mal ist es vorgekommen, dass eine Lehrerin, die hartnäckig versucht hatte, uns ‚aufzuwecken‘, weinend die Klasse verließ. Es war bei beiden Malen dieselbe Lehrerin. Vielleicht hatte sie ihre eigenen Probleme.
Unser größter Coup war aber Eddys Einlage. Er hatte aufgrund seines Herzfehlers immer etwas bläuliche Lippen. An einem sehr kalten Wintertag überredeten wir ihn dazu, ohne Jacke herumzulaufen, damit er seine Körpertemperatur herabkühlte. Dann rieben wir seine Lippen mit Rotwein ein, den ich bei meiner Mutter geklaut hatte, um sie noch blauer zu machen, und ließen ihn reglos auf dem Boden liegen. Nils, Lars und ich rannten durch die Schule, brüllten wie am Spieß und taten so, als hätten wir Eddy gerade leblos aufgefunden. Es gab ein Riesenspektakel. Als die panischen Erzieher versuchten, Eddy ‚aufzuwecken‘, knipste der sich aus, bis der Rettungshubschrauber landete. Unsere Mitschüler waren außer Rand und Band, und es gab mehrere Nervenzusammenbrüche.
Damals, als ich das Buch über Che Guevara und die kubanische Revolution las, wusste ich, was wir waren: Wir waren eine Guerilla, eine kleine Gruppe von Partisanen, die, obwohl sie unterlegen war, den Kampf gegen die ungerechte Despotin aufgenommen hatte. Die Guerilleros waren wir, und die Despotin, das war Frau Cunzelman.
So kam es zu dem Namen TimTom Guerilla. Ein kindischer Name, ich weiß. Aber schließlich war ich gerade mal in der dritten Klasse.